Manuel C. Kathan und Sebastian Utz haben gemeinsam mit Kollegen den Artikel "What you see is not what you get: ESG scores and greenwashing risk" in der internationalen Fachzeitschrift Finance Research Letters veröffentlicht. Der Forschungsaufsatz zeigt, dass Greenwashing-Vorwürfe am häufigsten bei großen Unternehmen mit hohen ESG-Ratings vorkommen.

Key Messages:

 

  • ESG-Bewertungen sind positiv korreliert mit Greenwashing-Fällen.

  • ESG-Bewertungen messen hauptsächlich die scheinbare
    und nicht die tatsächliche Umweltleistung.

  • Eine höhere Analystenabdeckung mindert dagegen das Risiko mit
    scheinbaren Umweltleistung Greenwashing zu betreiben.

 
Lehrstuhlinhaber
Prof. Dr. Sebastian Utz: Finanzwirtschaft mit dem Schwerpunkt Climate Finance

Startseite:

E-Mail:

 

 

(korrespondierender Autor)

Erfassung von Greenwashing-Vorwürfen anhand von ESG-Bewertungen

Die Studie untersuchte die Beziehung zwischen tatsächlichen Greenwashing-Vorwürfen und ESG-Bewertungen für die im STOXX Europe 600 enthaltenen Unternehmen. Greenwashing-Vorwürfe treten vor allem bei großen Unternehmen mit hohen ESG-Bewertungen auf. Das ist darauf zurückzuführen, dass ESG-Bewertungen vorwiegend die Kommunikation von Umweltbemühungen eines Unternehmens (scheinbare Umweltleistung) und weniger seine tatsächlichen Umweltauswirkung (reale Umweltleistung) widerspiegeln. Daher sind ESG-Bewertungen ungeeignet, um die tatsächliche Umweltauswirkung eines Unternehmens zu messen. Investoren, die sich auf Unternehmen mit hohen ESG-Bewertungen konzentrieren, könnten somit unwissentlich ihr Risiko für Greenwashing erhöhen. Auch Wissenschaftler laufen Gefahr irreführende Informationen zur Bewertung des Greenwashing-Risikos zu verwenden. 
In dem Artikel wird gezeigt, wie ESG-Bewertungen das Greenwashing-Verhalten eines Unternehmens erfassen können. Die Autoren wenden dazu empirisch ein neuartiges theoretisches Modell an, das zwischen der Kommunikation der Umweltbemühungen eines Unternehmens (scheinbare Umweltleistung) und dessen tatsächlicher Umweltauswirkung (tatsächliche Umweltleistung) differenziert. Die Korrelation der scheinbaren (tatsächlichen) Umweltleistung mit den ESG-Bewertungen ist signifikant positiv (negativ). 

 

 

Zitierung:

 

Kathan, M. C., Utz, S., Dorfleitner, G., Eckberg, J. und Chmel, L. (2025): What you see is not what you get: ESG scores and greenwashing risk. Finance Research Letters 74, 106710.

DOI PDF

Tatsächliche und scheinbare Umweltleistungen: Die Abbildung zeigt die Entwicklung der durchschnittlichen jährlichen, scheinbaren Umweltleistungen und die tatsächliche Umweltleistungen (RP) der Unternehmen im Querschnitt von 2015 bis 2023, bezogen auf 2015. Während der durchschnittliche RP während des gesamten Zeitraums stabil bleibt, zeigt sich bei der scheinbaren Umweltleistung bis 2023 ein deutlicher Anstieg um etwa 40% relativ zum Jahr 2015: die Kommunikation über die Umweltstrategien der Unternehmen hat deutlich zugenommen und damit scheinbar die Umwelt-Performance. Kathan et al. 2025

Schlussfolgerungen

Die Autoren ziehen die Schlussfolgerung, dass ESG-Bewertungen nur begrenzt geeignet sind, die tatsächliche Umweltbelastung zu messen. Dadurch wird die Forderung nach einem nuancierteren Ansatz zur Bewertung von Greenwashing in der Wissenschaft unterstrichen. Außerdem bestätigt sich die Erkenntnis, dass eine hohe Anzahl von Analysten, die ein Unternehmen beobachten, den Unterschied zwischen der scheinbaren und der tatsächlichen Umweltleistung eines Unternehmens verringern können (Liu et al., 2023). Insbesondere bei CO2-intensiven Unternehmen, wie die fossile Brennstoffindustrie (Kohle, Öl, Gas), die Chemieindustrie, die Schwerindustrie (z. B. Stahlproduktion) und die Zementindustrie, führt eine ausführliche Berichterstattung durch Analysten zu einer Minderung des Greenwashing-Risikos.

Wissenswertes

Greenwashing: 

Greenwashing beschreibt die Praxis, dass Unternehmen oder Organisationen sich umweltfreundlicher und nachhaltiger darstellen, als sie tatsächlich sind. Oft handelt es sich dabei um Marketingstrategien, um das öffentliche Image zu verbessern und das Vertrauen der Verbraucher zu gewinnen, ohne dass entsprechende Maßnahmen oder Veränderungen in der Unternehmenspraxis tatsächlich umgesetzt werden. Im Wesentlichen handelt es sich um Täuschung oder Irreführung der Öffentlichkeit, indem man Umweltvorteile bewirbt, die in Wirklichkeit nicht vorhanden oder stark übertrieben sind. 

 

 

ESG:

Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Environmental, Social and Corporate Governance), kurz der ESG, vereint Nachhaltigkeits-Kritierien der Vereinten Nationen (UN) und Finanzinstitutionen zur Betrachtung und Bewertung der ökologischen und sozialen Belange in der Unternehmensführung.

Die ESG-Kriterien besagen, dass neben den Interessen und Bedürfnissen der Unternehmen auch die Bedürfnisse aller Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Finanzinstitute, Nichtregierungsorganisationen, Sozial- und Umweltvertreter berücksichtigt werden sollten.

 

Die drei Schlüsselbereiche werden bei der Analyse der Nachhaltigkeitsleistung eines Unternehmens folgendermaßen bewertet:

 

Umwelt (E)

Dieser Aspekt beinhaltet den Umgang der Unternehmen mit Themen wie Klimawandel, Energieeffizienz, Ressourcenverbrauch, Abfallmanagement und Umweltverschmutzung. Unternehmen, die umweltfreundliche Verfahren anwenden und ihre Umweltauswirkungen minimieren, werden im ESG-Rating positiv bewertet. 

 

Soziales (S)

Beziehungen eines Unternehmens zu seinen Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten, Gemeinden und anderen relevanten Stakeholdern fallen unter die sozialen Aspekte eines ESG-Ratings Dazu gehören Themen wie Arbeitsbedingungen, Menschenrechte, Vielfalt und Integration, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz und Engagement für die Gemeinschaft. Unternehmen, die sozial verantwortlich handeln und sich um das Wohl ihrer Stakeholder kümmern, erhalten positive Bewertungen.

 

Die Zusammensetzung der ESG-Bewertung. © Universität Augsburg
Unternehmensführung (G)

Die Unternehmensführung oder „Governance“ bezieht sich auf die Art und Weise, wie ein Unternehmen geführt und kontrolliert wird. Dazu gehören ethische Grundsätze, Integrität, Transparenz, Zusammensetzung des Vorstands, unabhängige Rechnungsprüfung und Einhaltung von Vorschriften. Unternehmen mit guten Governance-Strukturen und -Praktiken werden als vertrauenswürdig angesehen und erhalten eine höhere ESG-Bewertung.

 

Wie werden ESG-Bewertungen verwendet?

ESG-Bewertungssysteme werden für verschiedene Anwendungsfälle und für verschiedene Interessengruppen (auf der Grundlage ihrer jeweiligen Bedürfnisse) entwickelt. Sie dienen nicht nur der Bewertung von Unternehmen, sondern auch von öffentlichen Körperschaften, Regierungen und Behörden. Einige ESGs sind darauf ausgelegt, Entscheidungen über die Kapitalallokation (wie Investitionen oder die Bewertung des Kreditrisikos) zu unterstützen, während andere die Verwaltung des Humankapitals und Personalentscheidungen unterstützen können. Sie können aber auch einfach das Konsumverhalten von Bürgern oder Kaufentscheidungen von Kleinanlegern beeinflussen. 

Suche